Dr. Jäger auf dem Lungenkongress in Madrid

Mehr als 20.000 Lungenärzte und technische Fachleute trafen sich vom 28.9. bis 2.10. in Madrid zur Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Atemwegserkrankungen (ERS= european respiratory society). Frau Dr. Jäger war dabei, um sich vor Ort auf den aktuellen Stand von Forschung und Therapie der Lungenkrankheiten zu bringen.

Hier einige News zu ausgewählten Themen:

  1. Erkrankungsfälle durch E-Zigaretten in den USA
  2. Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) – neue Erkenntisse zu den Ursachen
  3. interstitielle Lungenerkrankungen (ILD) = Lungenfibrosen.

 

1.      Erkrankungsfälle durch E-Zigaretten in den USA: Eine neue Epidemie von Lungenerkrankungen in Verbindung mit E-Zigaretten?

(D. Christiani et al. N Engl j Med. 2019 Sep. 6)

800 Menschen sind zwischen Juli und August 2019 in 46 Bundesstaaten der USA erkrankt, 12 davon verstarben. Es handelte sich dabei um sehr verschiedene Arten von z.T. schweren Lungenentzündungen bei überwiegend jungen Patienten. Viele mussten auf der Intensivstation behandelt werden. Lungengewebsuntersuchungen von Betroffenen ergaben ein toxisches Bild, keine Infektion mit Mikroben.

Dr. Christiani

Dr. Christiani bei seinem mit Spannung erwarteten Vortrag zu den Todesfällen in Verbindung mit E-Zigaretten in den USA

 

Die im weltweit bedeutendsten medizinischen Journal gesammelten und im September veröffentlichten Untersuchungen ergaben, dass 80 – 85 % der Patienten gleichzeitig Nikotin- und THC (Tetrahydrocannabinol)-Präparate verdampft hatten. Häufig verwandten die Erkrankten zudem Liquids aus ungesicherten Quellen und verschnitten diese zu Hause selbst mit den THC-haltigen Cannabis Präparaten, sowie auch mit Aromaölen oder Vitamin-E-Acetat haltigen Lösungen.

Wird Cannabis, das in mehreren US-Bundesstaaten legal erworben werden kann, in einer E-Zigarette erhitzt, können chemische Prozesse dafür sorgen, dass extrem schädliche Substanzen freigesetzt werden, warnte der Experte.

THC haltige Medikamente (z.B. Dronabinol) dürfen in Deutschland nur in besonderen Fällen, wenn andere Schmerzmittel unzureichend helfen, auf einem Rezept verschrieben werden.

Da viele Ärzte noch keine Erfahrung mit Cannabis als Medikament haben, lehnen sie diese Art Therapie derzeit oft noch ab. Erschwerend kommt hinzu, dass es derzeit noch häufig erforderlich ist, bei der Krankenkasse einen Kostenübernahmeantrag zu stellen.

 

Cannabis als Medizin

Wo kommt medizinisches Cannabis heute schon bei Patienten zum Einsatz?

 

Auch wenn es ein natürliches Medikament ist, können auch bei medizinischem Cannabis Nebenwirkungen auftreten. Diese sind von Mensch zu Mensch verschieden.

Auf jeden Fall sei nach den Vorfällen in den USA davor gewarnt, THC haltige Liquids in den E-Zigaretten zu verdampfen. Schwere akute Lungenkrankheiten können die Folge sein.

Möchten Sie mehr über den Einsatz von medizinischem Cannabis erfahren hier ein Link dazu:

https://www.praktischarzt.de/blog/cannabis-auf-rezept/

 

ERS Madrid: großes fachliches Interesse

Volle Vortragssäle zeugen vom weltweiten Interesse an neuen Ergebnissen zu Lungenkrankheiten.

 

 

2. Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) – neue Erkenntisse zu den Ursachen

Dazu gab es am Montag einen Übersichtsvortrag von Prof. Alvar Agusti Garcia-Navarro.

Die entsprechende wissenschaftliche Arbeit dazu ist auch 2019 im New England Journal of Medicine erschienen (https://www.nejm.org/doi/pdf/10.1056/NEJMra1900475).

Danach ist zwar Rauchen unumstritten der häufigste Auslöser für COPD, und die Dauer und Menge des täglichen Zigarettenkonsums beeinflussen maßgeblich den Schweregrad der Krankheit. Aber es wurden bisher auch 22 genetische Veränderungen gefunden, die ebenfalls eine COPD begünstigen können. Nicht alle COPD-Patienten zeigen einen gleich schnellen Abfall der Lungenfunktion (hauptsächlich der Einsekundenkapazität FEV1) über die Jahre, Begleiterkrankungen spielen eine wesentliche Rolle zusätzlich zu ererbten Prädispositionen.

Auch gibt es frühkindliche Entwicklungsstörungen der Lunge, infolgedessen manche Menschen im jungen Erwachsenenalter nie jemals die volle Lungenleistung zu 100 % erreichen. Diese Menschen haben zwar keine Beschwerden im Alltag, als Raucher fallen sie jedoch früher mit einem einschneidenden Abfall der Lungenfunktion auf.

Bisher gibt es keine Biomarker dafür, welcher COPD Patient zum Zeitpunkt der Diagnose einen schwereren Verlauf nehmen wird. Wahrscheinlich gibt es nicht „die COPD“, sondern es handelt sich um primär unterschiedliche Erscheinungsformen, sogenannten „COPD Typen“ mit verschiedenen vorgegeben Verläufen, die möglicherweise durch Medikamente nur unzureichend in ihrem Verlauf beeinflussbar sind.

Das frühzeitige Beenden des Nikotinkonsums ist aber in jedem Fall hilfreich, eine frühzeitige Invalidisierung mit Sauerstoffpflichtigkeit zu verhindern. Weitere Forschungsergebnisse werden hoffentlich zeigen, mit welchen Laboruntersuchungen man schon zum Diagnosezeitpunkt der COPD die Verlaufsart der COPD bestimmen werden kann.

 

3. Neuigkeiten zu Interstitiellen Lungenerkrankungen (Lungenfibrosen)

Seit 2013 gilt die aktuelle Klassifikation interstitieller Lungenerkrankungen (= Krankheiten mit fortschreitender Vermehrung von Bindegewebe in der Lunge). Neben der klassischen eher häufigeren idiopathischen (= ohne bekannte Ursache) Lungenfibrose (ILD = interstitial lung disease) teilte man hier 5 weitere häufigere Lungenfibrosen dieser Gruppe zu, daneben sind 2 seltene Formen bekannt mit genauer Zuordnung, und eine große Gruppe nicht klassifizierbarer Lungenfibrosen.

Klassifizierung von Lungenfibrosen

Die verschiedenen Typen der Lungenfibrose nach der geltenden Klassifikation: Noch sind die Spezial-Medikamente Pirfenidon und Nintendadib nur für die erste Klasse zugelassen.

 

Die Einteilung dieser letzten Form der Lungenfibrose stützte sich bisher weitgehend auf das histologische Bild durch mikroskopische Untersuchung von Lungengewebsproben, die man anstrebte, um die Krankheit eindeutig zu benennen. Diese Proben können durch eine Lungenspiegelung mit Probeentnahme mit einer kleinen Zange schmerzlos während der Untersuchung, oder eine offene Lungenbiopsie von außen gewonnen werden. Bisher sind spezifische Medikamente, die das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen können, wie Nintendanib (= Ofev) und Pirfenidon (..), nur für die klassische ILF zugelassen; für die ILF ist Kortison leider meist nur im akuten Schub wirksam, vermag aber nicht das chronische Fortschreiten zu stoppen.

Inzwischen fand man aber heraus, dass der Verlauf der Bindegewebszunahme weniger von der genauen histologischen Klassifikation abhängt, als von verschiedenen grundsätzlichen Verlaufstypen der Patienten. In der praktischen Medizin anwendbare und evtl. im Blut zu messende Biomarker oder genetische Tests, die zum Diagnosezeitpunkt der Erkrankung zuverlässig voraussagen können, ob eine schnell sich verschlechternde Verlaufsform vorliegt, sind noch in der Entwicklung.

 

Verlaufstypen der Lungenfibrose

Hauptvortrag zu den verschiedenen Verlaufstypen der Lungenfibrose

 

Um beim einzelnen Patienten den „Verhaltenstyp“ der Erkrankung einschätzen zu können, bleibt, bis diese Tests verfügbar sind, nur eine besonders anfangs engmaschige Kontrolle des Patienten unter Beobachtung von Symptomen, Lungenfunktion (besonders Vital- und Diffusionskapazität) und bildgebende Verfahren.

Ein Abfall der Vitalkapazität um 10 % ist bei den Schwankungen der Messmethode allerdings noch nicht als Beweis einer Verschlechterung anzusehen, aber er ist kontrollbedürftig.

 

Gibt es bald neue wirksamere Medikamente gegen die Lungenfibrose?

Therapieentwicklung bei Lungenfibrose

Vortrag mit Doppelprojektion und Videoübertragung vor den Hörsaal zu neuen Therapieentwicklungen bei Lungenfibrose

Hierzu gab es auf dem Kongress eine eigene Vortragsreihe, auf der derzeit noch in Studien getestete Wirkstoffe vorgestellt wurden:

Neben Nivolumab und Pirfenidon wurden erste Ergebnisse z.B. mit rekombinantem humanem Pentraxin 2, des Weiteren ein neuer Autotaxin Hemmstoff mit der Nummer GLPG690 sowie Pamrevlumab, ein Antikörper gegen einen Bindegewebswachstumsfaktor vorgestellt. Durch letzteres Medikament konnte in einer Phase-II Studie an 50 Patienten gezeigt werden, dass über 48 Wochen bei Patienten mit ILF (Interstitiellen Lungenfibrosen – Vernarbungen des Bindegewebes der Lunge) die Lungenfunktion weniger stark abnahm.

Diese neuen Wirkstoffe müssen allerdings erst an größeren Fallzahlen und im direkten Vergleich mit den bisher zugelassen Arzneimitteln für die Lungenfibrose getestet werden.

 

Ausblick für Patienten die bereits an einer Lungenfibrose leiden:

Nintendanib-Studie

Erfolge des Einsatzes von Nintendanib bei der Therapie rasch fortschreitender Lungenfibrosen

 

Weitere Studien zeigen, dass die etablierten Anti-Fibrosemedikamente wie z.B. Nintendanib  (Medikamentenname ist Ofev) nicht nur bei der klassischen ILF sondern auch bei den anderen Lungenfibrosen möglicherweise wirksam sind. Dies könnte konkret für betroffene Patienten bedeuten, dass die Zulassung und Kostenübernahme dieser Stoffe in der Zukunft auch auf andere Formen der Lungenfibrose z.B. bei Rheuma mit begleitender Lungenfibrose ausgedehnt werden könnte.

 Zwischen den wissenschaftlichen Vorträgen waren die Ärzte aufgefordert, sich in den wissenschaftlichen Ausstellungen der Forschungs- und Pharmafirmen einen Überblick über neue Entwicklungen zu verschaffen.

 

Industrieausstellung zum ERS-Kongress

Gute Gelegenheit, sich einen Überblick über die neuesten Produkte zu verschaffen: die Industrieausstellung zur Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Atemwegserkrankungen (ERS= european respiratory society).

 

 

 

Telefonischer Kontakt:        0345-6867290