Langzeitfolgen einer Corona-Infektion

Aus einer britischen Arbeit an 384 Patienten mit schwerwiegenden Corona-Krankheitsverläufen  geht hervor, dass 8 Wochen nach der Entlassung noch 69% unter chronischer Müdigkeit (Fatigue-Syndrom) und 53% unter Atemnot litten. Noch ein gutes Drittel (34%) klagte über Husten und 14,6% hatten eine Depression (1). 

Im Labor waren bei fast einem Drittel die D-Dimere, eigentlich ein Marker für Lungenembolie, noch erhöht, fast jeder 10. wies ein erhöhtes C-reaktives Protein (CRP) auf, was auf eine noch bestehende chronische Entzündung im Körper hinweist. 38% hatten pathologische Röntgenbefunde, darunter ein Viertel, das sich verschlechterte. 

Auch bei leichten Erkrankungen ohne Krankenhausaufenthalt treten gehäuft Langzeitbeschwerden auf 

Die vorbestehenden Risikofaktoren für einen schweren Verlauf, wie hohes Alter, Übergewichtigkeit oder vorbestehende Lungenerkrankungen, gehen nach dieser Studie auch häufiger mit den Langzeitfolgen einher. 

Obwohl ein initial schwerer Verlauf mit invasiver Beatmung oder überhaupt Behandlung auf der Intensivstation  die Patienten eher für Langzeitfolgen zu disponieren scheint, stellte sich in den sogenannten „Post-Covid-Ambulanzen“ z.B. an der Universitätsklinik Jena bei Prof. Dr. med. Andreas Stallmach oder in Dublin bei dem klinischen Forscher Dr. Liam Townsend am Trinity College heraus, dass fortbestehende Fatigue (chronische Müdigkeit) nicht mit der Schwere der Erkrankung in Zusammenhang stand (2,3). Weibliches Geschlecht und eine frühere Depression oder Angsterkrankung waren aber in der Fatigue-Gruppe überrepräsentiert. 

Verantwortlich für die Erkrankungen nach der Akutinfektion wird unter anderem die mit Covid-19 einhergehende Endothelitis, eine fortdauernde Entzündung der Gefäßinnenwände, gemacht, die wiederum zur Anlagerung von Blutplättchen und Aktivierung von Gerinnungsfaktoren führt. Infizierte erleiden dadurch gehäuft Thrombosen oder Schlaganfälle 

Eine funktionelle PET-CT-Studie (Computertomographie bei der eine Art Kontrastmittel gespritzt wird, das sich in Geweben mit hoher Stoffwechselaktivität anreichert) an ehemals Covid-19 Erkrankten mit fortdauernden Beschwerden ergab übereinstimmend auch Entzündungen in 3 Gefäßbereichen. Aus diesem Grund wird von Dr. Stallmach bei Patienten nach COVID-19 Erkrankung eine 3-monatige prophylaktische leichte medikamentöse Blutverdünnung für sinnvoll angesehen, er räumt aber ein, dass es dafür noch keine belegten Studienergebnisse gebe. 

 

Welche Beschwerden können beim Long-Covid-Syndrom auftreten? 

Aus Facebook- und Smartphone App-Antworten zu Umfragen (6295 Teilnehmer) ergaben sich folgende Hauptbeschwerden: 

  • Chronische Müdigkeit (Fatigue) – am häufigsten 
  • Kopfschmerzen 
  • Geruchs- und Geschmackstörungen 
  • Depression 
  • kognitive Störungen wie Konzentrationsstörungen 
  • Verwirrtheit 
  • Luftnot 
  • Gelenk- und Muskelschmerzen 
  • Muskelschwäche 
  • Schlafprobleme, Albträume 
  • Husten 
  • Beklemmungen im Brustkorb 
  • Fieber 
  • Durchfall, Übelkeit, Erbrechen 

Nach 60 Tagen klagten noch 55% der Befragten über 3 oder mehr dieser Beschwerden, 32% hatten noch ein oder zwei Symptome und 13% waren schon komplett beschwerdefrei. 

 

Welche Beschwerden treten im Bereich der Lunge auf und wie ist die Langzeitprognose ? 

In unsere Praxis überwiesene Patienten klagen meist über eine Belastungsluftnot und Beklemmungsgefühle im Brustkorbbereich.  Bei vorbestehender Asthmadiagnose hat sich während der Infektion die Luftnot meist akut verstärkt und liegt auch nach überstandener Infektion noch über dem Beschwerdeniveau vor der Corona-Infektion. Die dann bei uns gemessene Lungenfunktion hat sich aber häufig nicht messbar verschlechtert und das Röntgenbild der Lunge ist meist nicht auffällig oder geändert zum Vorbefund. 

Dies stimmt mit den Beobachtungen von Dr. Katrin Milger-Kneidinger von der Post-Covid-Ambulanz der Medizinischen Klinik der Universität München überein (2): 

Die subjektive Einschränkung war zwar bei 2/3 der Patienten objektiv nachvollziehbar, bei einem Drittel fand sie trotz Beschwerden unauffällige Befunde. 

Aber auch Menschen, die an keiner vorherigen Lungenerkrankung leiden, können nach der Virusinfektion auf einmal Luftnot unter Belastung verspüren, die sie bisher nicht kannten und die sie  im Alltag sogar deutlich beeinträchtigt. 

Die Frage wann eine dauernde Schädigung droht kann derzeit noch nicht beantwortet werden. Langzeitstudien fehlen bisher, bzw. werden gerade erst durchgeführt. Ergebnisse werden mit Spannung erwartet. 

In Autopsiebefunden von an Covid-19 Verstorbenen fanden sich zwar  schwere Gefäßschäden und Thrombosen, dies ist aber auf Patienten mit leichten Krankheitsverläufen natürlich nicht übertragbar. 

Atemnot: Bild von mohamed Hassan auf Pixabay

Die Lunge nach COVID-19 hat noch Aufholpotential 

Eine Studie einer Arbeitsgruppe der Universität Innsbruck (Name der Studie: COV ILD-Studie) (4) an 145 Patienten (27% mit Aufenthalt auf der Intensivstation) zeigt im Verlauf, dass sich die Lungenmesswerte nach 3 Monaten auch bei stationär behandelten Personen verbessern: Die Atemnot ging von 68% auf 36% zurück und die Lungenfunktion besserte sich deutlich. Allerdings waren bei 60% noch Veränderungen in der Computertomografie vorhanden. 

Relevante Lungenfibrosierungen, also bleibende Lungenvernarbungen, gab es nach den 3 Monaten auch bei ehemals beatmungspflichtigen Patienten eher selten. Allerdings ist der Beobachtungszeitraum mit 3 Monaten noch recht kurz. 

Prof. Dr. med. Tobias Welte, Chefarzt der Pneumologischen Abteilung der Medizinischen Hochschule Hannover, empfahl in einem kürzlichen Vortrag bei Verdacht auf Long-Covid-Syndrom mit Atembeschwerden auf jeden Fall in der Lungenfunktion die Diffusionskapazität mit zu messen, um mögliche mikroskopische Schäden am Lungengewebe frühzeitig zu erkennen. Außerdem riet er dazu, die Patienten zu beruhigen, aber auch zur Geduld aufzurufen, da die spontane Besserung meist Wochen bis Monate in Anspruch nehme. Sollten nach 6 8 Wochen die Atemnotsymptome allerdings unverändert stark vorhanden sein, sollten die Patienten nochmals kontrolliert und evtl. zur hochauflösenden Computertomografie der Lungen überwiesen werden. 

Da bei der akuten Covid Erkrankung häufig die Rippenfelle mit betroffen und entzündet seien, können diese im weiteren Verlauf verkleben und so zu Einatembeklemmungen führen. Hier könne eine Atemphysiotherapie Besserung bringen. 

  

Folgen für das Zentralnervensystem und das Herz 

Geruchs- und Geschmacksstörungen sind bei Betroffenen in 10% der Fälle noch länger als 8 Wochen vorhanden. Hier kann nach Aussage von Prof. Welte eine Therapie beim Logopäden helfen, wo der Geruch mit starken Anreizen wiedererweckt werden könne. 

Als neurologische oder psychaiatrische Long-Covid-Symptome gelten Stimmungschwankungen oder „Nebel im Kopf“ bis hin zu Gehirnentzündungen oder Anfallsleiden. Oft fällt hier allerdings die Abtrennung gegenüber posttraumatischen Belastungsstörungen durch die durchgemachte lebensgefährliche Infektion schwer, die auch schon per se zu Ängsten und Depressionen führen können: Die Menschen fühlen sich unsicher durch den unklaren weiteren Verlauf  der Krankheitsfolgen bis hin zur Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes. 

Eine Herzmuskelentzündung durch Covid-19 ist offenbar sehr selten. Tritt sie dennoch auf, ist über die Langzeitfolgen bisher kaum etwas gesichert. 

Wer nach Handlungsanweisungen für den Umgang mit Long-Covid-Patienten sucht, der wird am ehesten im British Medical Journal fündig. Nirgends sonst findet man so konkrete Angaben zu allen denkbaren Symptomen aus den verschiedenen Organbereichen (5,6). 

Literatur:

 

  1. Manal S et al: „Long-COVID“:a cross-sectional study of persisting symptoms, biomarker and imaging abnormalities following hospitalisation for COVID-19. Thorax 10 Nov 2020. 
  2. Deutsches Ärzteblatt Jg. 117,Heft 49, Dezember 2020. 
  3. Townsend L et al.: persistent fatigue following SARS-CoV-2 infection is common and independent of severity of initial infection. PLoS One.2020 Nov 9;15(11) 
  4. Sonnweber T., et al.: Development of interstitial Lung Disease (ILD) in Patients with severe SARS-CoV-2 infection (Covid-19) (CovILD). European respiratory Journal (in press). 
  5. Greenhalgh T, et al.: Management of post-acute covid-19 in primary care. Practice Pointer. BMJ 2020;370:m3026. 
  6. Nabavi N: long covid:How to define it andhow to manage it. BMJ Webinar. BMJ 2020;370:m3489. 

 

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